Badische Zeitung, 17. Dezember 2008
von Anita Ritter

Oma, Putzfrau und Feuerwehr

Ds "Haus des Lebens" hat mit Imelda Boehler eine neue Leiterin

Wattige Schneeflocken tanzen an den großen Scheiben am Eingang zum "Haus des Lebens". In der Diele reiht sich Kinderwagen an Kinderwagen. Seit zwei Jahren finden in der von der katholischen Gesamtkirchengemeinde getragenen Einrichtung junge Mütter und ihre Kinder nicht nur einen Unterschlupf, sondern auch die nötige Unterstützung, um das Leben mit dem Kind bewältigen zu lernen.

Heidi* strahlt: Nach achteinhalb Monaten im "Haus des Lebens" wird sie mit ihrer sechs Monate alten Tochter Anna* zum Vater des Kindes ziehen. "Ich wollte lernen, mit meinem Kind umzugehen", begründet die 17-Jährige ihre freiwillige Entscheidung, sich in die Obhut der Einrichtung zu begeben.

Natürlich war die frühe Schwangerschaft für sie wie für ihre Mitbewohnerinnen "ein Schock": gerade mit der Schule fertig, und noch keine Ausbildung angefangen. Heute würde sie "Anna nicht mehr hergeben" – auch wenn ihr anhaltendes Schreien zuweilen zur Herausforderung wurde.

Sie habe ihre Sache "toll gemacht", lobt Roswitha Honerkamp die junge Frau und knuddelt das Baby. "Ich hab’ es ja bald nicht mehr." Die ehemalige Ärztin gehört wie die frühere Krankenschwester Marlies Juling dem Helferkreis für Mutter und Kind (früher: für werdende Mütter in Bedrängnis) an, auf dessen Initiative das Haus entstanden ist. Ehrenamtlich unterstützen die Mitglieder die vier hauptamtlichen Mitarbeiterinnen (drei Sozialpädagoginnen, eine Erzieherin) und fühlen sich als "Mama, Oma, Putzfrau, Einkäuferin und Feuerwehr". Schwester Imelda Boehler ist für die jungen Frauen "die Oberoma". In einem Alter, da andere in Rente gehen, hat die 65-jährige Franziskanerin von Gengenbach mit der Leitung des Hauses noch einmal eine neue Aufgabe übernommen, nachdem sie 29 Jahre Chefin eines Kindergartens gewesen war. "Ordensfrauen", erklärt sie, "sind nie im Ruhestand."

Während die Kinder tagsüber im "Binsenkörbchen" (bis ein Jahr) oder dem "Kindernest" (bis drei Jahre) im Haus betreut werden, können sich die Mütter um ihre berufliche oder schulische Fortentwicklung kümmern. Die 23jährige Petra, zum Beispiel, Mutter von Nikolaus (3) und Susi* (2), ist, vermittelt vom Jugendamt, vor zwei Jahren gekommen, drei Tage vor der Geburt ihrer Tochter.

In St.Elisabeth gleich nebenan, einer Berufsbildungseinrichtung für benachteiligte Mädchen, macht Petra gerade ein Praktikum in der Küche. Sie möchte sich zur Küchenhelferin ausbilden lassen. Ihr Sohn wurde sogar in die Domsingschule aufgenommen dank Marlies Juling: Als Sängerin im Domchor hatte sie seine tolle Stimme erkannt und einen Platz vermittelt.

Piper ist auf dem Absprung in eine andere Stadt, wo sie ein Praktikum in einer Zoohandlung machen will. Ihren dreijährigen Leon hat sie in eine Pflegefamilie geben müssen. Die jungenhafte 20-jährige mit den vielen Piercings, die mit 16 schwanger wurde, wirkt selbst wie ein schutz- und zuwendungsbedürftiges Kind. "Ich bin nie bei richtigen Eltern aufgewachsen", sagt sie und kommt auf ihre "grauenhafte Kindheit" zu sprechen. 

Die Förderschule hatte sie abgebrochen und würde gerne den Abschluss nachholen – wären da nicht die Probleme mit Mathe und Deutsch. Aber "es geht bergauf": Eine ehemalige Lehrerin unter den Ehrenamtlichen übt jeden Freitag mit ihr. Daneben gibt es alltagspraktische Kurse in backen, nähen, kochen, Wäschepflege.

Die jungen Frauen lernen das Fläschchen fürs Kind richten und was zu tun ist, wenn das Kind Bauchweh hat. Mit den haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen haben sie Fachfrauen an ihrer Seite, die ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Selbst Piper fängt an, "Vertrauensbausteine" zu sammeln. Eines Tages, da ist sie ganz sicher, wird sie wieder mit ihrem "süßen Sohn" zusammenleben.

*Alle Namen von Müttern und Kindern geändert

Schwester Imelda Boehler mit einem Teil ihrer Schutzbefohlenen.

Foto: Rita Eggstein, Bollschweil